Wolfgang Pohrt – Kapitalismus forever? – Eine Rezension.

Lange habe ich überlegt, ob ich Wolfgang Pohrts neues Buch lesen voll um mich dann schlussendlich aufzuraffen. Entstanden ist eine Rezension, die bei RadioZ im Stoffwechsel lief. Anhören kann man sich das hier.
Alternativ poste ich das Skript des Beitrages:

Was die Intention hinter seiner neuen Veröffentlichung „Kapitalismus Forever“ ist weiß Wolfgang Pohrt vermutlich selber nicht – so oder so ähnlich könnte sich ein kurzes Resümee nach der Lektüre von etwas mehr als 100 Seiten lauten, in denen uns Pohrt seine Sichtweise auf die aktuelle Verfasstheit der Gesellschaft mitteilen möchte. Vielleicht ist das Traktat sein politisches Testament, vielleicht auch ein letzter Versuch den eigenen Namen mittels der im Voraus kalkulierten Empörung der ehemaligen Genossen noch einmal ins Gespräch zu bringen.
Doch genug der wilden Spekulationen über Pohrts persönliche Verfasstheit. Bringen wir lieber die fragmentarischen Analysen dieses Traktats auf den ideologiekritischen Prüfstand.
Bereits im ersten Kapitel des Buches wird deutlich wohin die Reise gehen soll: Pohrt stellt die „Veränderung“ als eine Grundkategorie der menschlichen Dinge dar, und jeder der sich in irgendeiner Art und Weise gegen sie stellt muss ein Idiot sein – soweit so gut. Doch zugleich baut Pohrt bereits etwas auf, das sich durch das ganze weitere Buch ziehen wird – Gedanken zum Verhältnis von revolutionärer Bewegung und Marxismus. Er kommt zu dem Ergebnis, dass die Beschäftigung mit Marx immer erst dann begann, wenn eine revolutionäre Bewegung zum Erstarren kam.

„Also erst herrscht Bewegung, und wenn die nicht mehr weiter kann und zerfällt, kommt der Marxismus. Das war in der UdSSR so gewesen, das war in der DDR nicht anders und sogar in Kuba. Castro wurde Marxist, als er aufgehört hatte, Revolutionär zu sein. Heute ist es ähnlich und doch anders, die Sache fängt schon mit dem dicken Ende an, die Bewegungsphase wird übersprungen.“

Wann es in der Gründungsphase der DDR eine wie auch immer geartete revolutionäre Bewegung gab, sei einmal dahingestellt, doch zu behaupten dass es heute nur noch Kapital-Lesekreise und keinerlei linke Bewegung mehr gibt, entbehrt wohl jedweder Grundlage. Vielleicht hätte Pohrt einmal zehn linken Aktivisten nach ihrem Begriff von Kapitalismus fragen sollen – er wäre sicher nicht auf studierte Marxologen gestoßen.
Unter der Überschrift „Bildung ist Verblödung“ reflektiert der Autor selbstkritisch über die eigene Empfehlung sich in Zeiten der Statik der Marxlektüre zu widmen.

„Wie kann man Menschen empfehlen, dass sie ihr kurzes Leben, statt es zu genießen mit dem Kapital vertrödeln? Allerdings habe ich damals noch keine Ossis gekannt, die kamen ja erst später. Bei den Ossis war Marx nämlich Pflichtlektüre gewesen, und man sieht doch, was dabei herausgekommen ist, nämlich die Ossis.“

Die Polemik scheint zwar immer noch zu sitzen, doch jedwede Kapital-Lektüre mit der Moskauer Scholastik des dialektischen Materialismus gleichzusetzen ist doch ein wenig ignorant. Doch Pohrt will auf etwas anderes hinaus: während aus dem Marx, der 1848 das Manifest der Kommunistischen Partei veröffentlichte, noch der Revolutionär sprach, spricht aus dem Marxschen Spätwerk der resignierte Bewunderer des Kapitalismus. Mit einem Rückgriff auf Adornos Theorie der Halbbildung versucht er darzustellen, dass Bildung und Aufklärung keine Garanten für eine revolutionäre Gesinnung seien – auch die Nazis waren gebildete Menschen. Eine richtige Konstatierung, doch macht das wirklich jegliche Beschäftigung mit einer marxistischen Theoriebildung obsolet?
Für Pohrt offenbar schon, was sich vor allem bei der Lektüre der Kapitel seines Traktats zeigt, die sich mit „verzweifelten Marxisten“ als Weltuntergangssekte und der Marxologie beschäftigen. Alle Marxisten von Heinrich bis Kurz wollen den Menschen nämlich nur Angst machen, wenn sie von möglichen Auswirkungen der globalen Wirtschaftskrise sprechen. Ein Untergang des Kapitalismus nämlich, sei es im positiven eine Revolution oder sei es im ultimativ-negativen die Barbarei, ist mit Pohrt nicht zu machen.

„Seit das Kapital existiert, stolpert es von einer Krise in die nächste. Dabei gedeiht es prächtig, Untergänge wirken aufs Kapital wie ein Jungbrunnen. Immer dann, wenn man meint, es sei am Verenden ist es gerade dabei, neue Kräfte zu sammeln. Wunderbar dieses Kapital, einfach wunderbar. Sein einziger Daseinszweck besteht darin sich zu vermehren – wie das Leben selbst.“

Wer an dieser Stelle schon aufschreckt und ein Zurückfallen Pohrts hinter viele Ansätze einer kritischen Theorie der Gesellschaft befürchtet, die auf der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie fußen, behält seines Erschreckens zum Trotz recht. Immer wieder flüchten sich die kruden Analysen Pohrts in einen Wortschatz, den man sonst eher von Neoliberalen kennt. Die Naturalisierung gesellschaftlicher Verhältnisse und damit auch des Kapitalverhältnisses scheint fortan zu den Grundfesten seines Denkens zu gehören. Während die kritische Theorie der Gesellschaft immer daran festhielt, dass den Menschen gesellschaftliche Verhältnisse als „zweite Natur“ erscheinen, die jedoch von ihnen selbst geschaffen wurden und somit auch veränderbar seien, verschwimmen bei Pohrt die Grenzen von erster und zweiter Natur. Dafür bemüht Pohrt auch gleich eine ganze Armada von Vergleichen mit dem Tierreich, um zu dem Ergebnis zu kommen, dass es nicht anders sein kann als es ist, weil sowieso niemand in der Lage wäre die menschlichen Dinge besser zu organisieren als das Kapital. Vielleicht wird Pohrt in Anlehnung an Marxens „ethnologische Exzerpthefte“ ja bald auch noch seine „zoologischen Exzerpthefte“ präsentieren.
Zwar ringt er sich in Anlehung an Benjamin noch dazu durch, dass das Kapital als eine Dauerkatastrophe bezeichnet werden könnte, doch angeblich würde das Kapital ganz genau wie die Natur keine Katastrophen kennen. Sieht man sich die sogenannten „failed states“ ist längst das Gegenteil bewiesen – nicht nur für die Bevölkerung sind sie eine Katastrophe auch für das Kapital, das dort keine Möglichkeit mehr findet seiner liebsten Beschäftigung – der „Selbstverwertung des Werts“ – nachzugehen.
Auch mit seinen Bemerkungen über die fortschreitende Integration der Arbeiterklasse in den Kapitalismus ist Pohrt kein sonderlich großer Wurf gelungen. Am Beispiel der Opelaner zeigt er die Sinnlosigkeit von Kämpfen um Arbeitsplätzen auf, die vor ihm schon hunderte andere aufgezeigt haben – darunter Robert Kurz gegen den er mehrmals heftig vom Leder zieht. Der Bellizismus pohrtscher Färbung ist auch unter Linken längst keine Neuheit mehr und so haben sich diejenigen die potentiell aufschreien könnten längst an solche Statements gewöhnt – selbst Pohrts Polemik verfehlt an dieser Stelle ihr Ziel.
Mit seinen Ausführungen zum Islam und zum Islamismus setzt Pohrt den Weg fort, den er bereits vor Jahren eingeschlagen hatte. Alles ganz ungefährlich, denn das Kapital schluckt sie sowieso alle! Ob einer grassierenden Ideologie wie dem Islamismus mit einem vulgären Materialismus a la „Autos sind besser als Allah“ beizukommen ist, ist mehr als fraglich.

„Mit der Scharia kenne ich mich nicht so gut aus. Ich weiß nur so viel: Wenn ein Idiot heute weder von Religion noch von Politik und auch sonst keine Ahnung hat – von der Scharia quasselt er immer.“

An dieser Stelle ist Pohrt zwar klar zuzustimmen, doch vor diesen lichten Moment schiebt sich sofort ein neuer Schatten: in der bewehrten Manier eines Wolfgang Benz setzt er nationalsozialistischen Antisemitismus und aktuelle Islamfeindlichkeit gleich. Wer hätte das bis ins Jahr 2003, als Pohrt Antisemitismus und Rassismus als „von allen Medienkonzernen und überhaupt allen einflussreichen Gruppen“ aufgebauscht bezeichnete, von einem der geistigen Väter der Antideutschen erwartet?
Am erhellendsten in „Kapitalismus Forever“ kann man wohl noch jene Passagen bezeichenen, die aus Pohrts autobiographischen Notizen über die Bewegung von 1968 stammen. Sie zeichnen sich aus durch einen Grad an Reflexion den Pohrt heute offenbar längst aufgegeben hat um ihn bei Beibehaltung seiner süffisant-genialen Polemik gegen die bloße Affirmation und Resignation einzutauschen.
Vielleicht ist genau diese Einsicht in die Sinnlosigkeit des eigenen Daseins als kritischer Theoretiker der destillierte Sinngehalt von „Kapitalismus Forever“. In einer Welt die einen selbst überflüssig macht an der Kritik unerbitterlich festzuhalten fällt schwer, die Resignation wird zum vermeintlich einfachen Ausweg.
Schlussendlich kann man festhalten, dass Pohrts Buch gewisse Ähnlichkeiten mit der zerknüllten Zigarettenschachtel der Marke „Che“ hat, die auf dem Cover abgedruckt ist. Wer kann sich nicht erinnern an diese Zeiten, in denen man sich mit 14 oder 15 zumindest ein paar Mal die nicht unbedingt wohlschmeckenden Glimmsteckel dieser Marke eben wegen dem auf ihnen abgedruckten Konterfei Ernesto Guevaras anzündete?
Heute steckt man sich zwar keine Zigaretten mehr des Namens wegen an, aber man liest Bücher von Wolfgang Pohrt, die einen ähnlichen Eindruck hinterlassen. Es hat zwar nicht gut geschmeckt, aber aus irgendeinem Grund musste es sein.